Die „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara
Vom Hochzeitsgeschenk für Queen Mary zum Markenzeichen von Elizabeth II.
Es gibt kostbarere, größere und spektakulärere Diademe im Besitz der britischen Königsfamilie. Doch kaum eine Tiara ist so eng mit einer Monarchin verbunden wie die „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara mit Queen Elizabeth II.
Über Jahrzehnte trug die Königin das vergleichsweise leichte und luftige Schmuckstück bei Staatsbanketten, offiziellen Porträts und diplomatischen Empfängen. Millionen Menschen begegneten der Tiara sogar täglich: auf Münzen, Geldscheinen und Briefmarken. Ihr etwas ungewöhnlicher Name erinnert jedoch an eine Geschichte, die lange vor der Regierungszeit Elizabeths begann.
Ein Hochzeitsgeschenk für Prinzessin Mary
Die Tiara entstand 1893 anlässlich der Hochzeit von Prinzessin Victoria Mary von Teck – in der Familie „May“ genannt – mit Prinz George, Duke of York, dem späteren König George V.
Diese Hochzeit hatte allerdings einen tragischen Hintergrund, denn eigentlich sollte May dessen älteren Bruder, Prinz Albert Victor, heiraten.
Doch dieser starb 1892 überraschend im Alter von nur 28 Jahren.
Man dachte in dieser Zeit pragmatisch und so verlobte Mary sich Im folgenden Jahr mit George.
Tatsächlich wäre es in keinem Fall eine Liebesheirat geworden, denn die Tecks waren in ständiger Geldnot und hangelten sich von einem Familienmitglied zum anderen, um den Rechnungen zu entgehen, die sich häuften. Ja - man musste sogar ins Ausland ziehen, weil es sich dort preiswerter leben ließ als bei Hofe.
Und so war man überglücklich, als in England ein königlicher - und damit vermögender - Bräutigam gefunden wurde.
Die Hochzeit von Mary und George fand am 6. Juli 1893 in der Chapel Royal des St James’s Palace statt.

Für die beliebte Braut wurden im ganzen Land Geschenke gesammelt. Eines davon sollte von den jungen Frauen Großbritanniens und Irlands kommen: die später nach ihnen benannte „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara.
Wer waren die „Girls of Great Britain and Ireland“?
Ich dachte ehrlich gesagt immer: "Da haben sie bestimmt so arme Dinger dazu gezwungen, Geld für die Tiara einer Braut zu spenden, deren künftiger Ehemann schon millionenschwer ist. So eine Sauerei!"
Tatsächlich hätte ich damit nicht falscher liegen können!
Bei den „Girls“ handelte es sich um ein eigens von Lady Eva Greville (Tochter des Earl of Warwick)gegründetes Komitee, das in den eigenen Kreisen Geld für ein Hochzeitsgeschenk sammelte.
Später wurde Greville zu Queen Marys Hofdame ernannt. (Somit hatte sich die Sammelei doppelt gelohnt)
Sie darf übrigens nicht mit Lady Margaret Greville verwechselt werden, deren berühmte Juwelensammlung Jahrzehnte später an Queen Elizabeth, die Königinmutter, ging.
Rettung in der Not
Berichten zufolge kamen insgesamt mehr als 5.000 Pfund zusammen. Die Tiara selbst hat rund 1.600 Pfund gekostet.
Für den beträchtlichen Überschuss von etwa 3.000 Pfund gab es bald eine traurige Verwendung: 1893 ging die HMS Victoria unter, wobei 358 Menschen um Leben kamen. Auf Marys Wunsch hin wurde der Überschuss an die Hinterbliebenen der Opfer gespendet.
Damit verband das Hochzeitsgeschenk von Anfang an königlichen Glanz mit einem bemerkenswerten sozialen Gedanken.
Garrard, E. Wolff & Co. und ein wandelbares Schmuckstück
Die Tiara wurde von E. Wolff & Co. für den damaligen Hofjuwelier Garrard gefertigt. Im Geschäftsbuch Garrards ist der Auftrag vom 26. Juni 1893 als diamantbesetzte Tiara mit Band- und Rankenmuster sowie aufgesetzten Perlen verzeichnet.
Das Schmuckstück bestand aus Diamanten in Silber- und Goldfassungen. Sein Design verbindet geschwungene Festons und Ranken mit stilisierten Fleur-de-Lis-Elementen. Besonders charakteristisch ist das untere Band aus abwechselnd runden und rautenförmigen Diamantfassungen.
Die ursprüngliche Tiara sah jedoch anders aus als das heute bekannte Schmuckstück.

Entlang des oberen Randes befanden sich große orientalische Perlen auf Diamantspitzen, wie ihr an der Abbildung mit Queen Mary erkennen könnt. Außerdem war sie von Anfang an wandelbar:
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Sie konnte als hohe Tiara getragen werden.
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Ein kleinerer Rahmen ermöglichte die Verwendung als geschlossene Krone beziehungsweise Coronet.
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Vom Rahmen abgenommen konnte das Diamantornament auch als Halskette getragen werden.
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Das untere Diamantband ließ sich später separat als Bandeau verwenden.
Diese Wandelbarkeit war typisch für kostbaren Schmuck des späten 19. Jahrhunderts. Ein großes Juwel sollte nicht nur repräsentativ, sondern möglichst vielseitig einsetzbar sein.
Queen Mary verändert die Tiara
Queen Mary liebte historischen Schmuck, betrachtete ihn aber keineswegs als unveränderlich. Sie ließ zahlreiche Stücke umarbeiten, kombinieren oder mit anderen Steinen versehen. Auch die „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara blieb davon nicht unberührt.
1914 gab sie das Schmuckstück zur Veränderung an Garrard zurück. Die großen Perlen an der Spitze wurden entfernt und durch Diamanten ersetzt. Zugleich wurde das markante untere Diamantband abgenommen, damit es separat als Bandeau getragen werden konnte.
Ein Teil der verwendeten Diamanten stammte aus einer anderen Hochzeitsgabe Queen Marys, der später zerlegten Surrey-Tiara. Die entfernten Perlen werden vielfach mit der Cambridge Lover’s Knot Tiara in Verbindung gebracht, zu der ich auch noch einen Blog machen werde.
Durch den Umbau verlor die Tiara etwas von ihrer spätviktorianischen Schwere. Sie wirkte nun leichter, klarer und stärker von den geschwungenen Diamantmotiven geprägt. Genau diese modernisierte Form sollte später zum Markenzeichen Elizabeths II. werden.
„Granny’s Tiara“ – das Hochzeitsgeschenk für Prinzessin Elizabeth
Im November 1947 heiratete Prinzessin Elizabeth Prinz Philip. Ihre Großmutter Queen Mary schenkte ihr zu diesem Anlass die „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara.
Die Royal Collection zählt sie zu den bekanntesten Hochzeitsgeschenken, die Prinzessin Elizabeth erhielt. Queen Mary übergab ihrer Enkelin außerdem die Dorset Bow Brooch und ein Paar Diamantarmreifen.
Elizabeth soll die Tiara liebevoll als „Granny’s Tiara“ bezeichnet haben. Ob diese Formulierung bei jeder Überlieferung wörtlich zu verstehen ist, lässt sich kaum nachprüfen – sie bringt jedoch die persönliche Bedeutung des Schmuckstücks treffend zum Ausdruck.
Zunächst trug Elizabeth die Tiara ohne das abnehmbare Diamantband. Dadurch saß sie etwas niedriger und erschien noch leichter. 1969 ließ sie beide Teile wieder miteinander verbinden. Seitdem besitzt die Tiara ihre heute vertraute Form mit dem charakteristischen runden und rautenförmigen Diamantband an der Basis.
Warum wurde sie zur Lieblingstiara der Queen?
Es gibt keine verbindliche Erklärung Elizabeths II., in der sie die Tiara ausdrücklich zu ihrem Lieblingsstück erklärte. Ihre außergewöhnlich häufige Verwendung spricht jedoch für sich.
Dafür dürfte es mehrere Gründe gegeben haben:
Erstens war die Tiara offenbar vergleichsweise leicht und angenehm zu tragen. Das ist bei langen Staatsbanketten und diplomatischen Empfängen ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Zweitens war sie groß genug, um königliche Würde auszustrahlen, aber nicht so monumental wie etwa die Vladimir-Tiara oder Queen Alexandras Kokoshnik-Tiara. Sie ließ sich daher mit vielen Abendkleidern, Schärpen und unterschiedlichen Halsketten kombinieren.
Drittens hatte sie für Elizabeth einen hohen persönlichen Wert. Sie war das Hochzeitsgeschenk einer Großmutter, zu der sie eine enge Beziehung besaß.
Und schließlich funktionierte ihr klares, symmetrisches Design außergewöhnlich gut auf Fotografien. Selbst in Schwarz-Weiß oder in der kleinen Darstellung auf einer Münze blieb die Silhouette der Tiara gut erkennbar.
Eine Tiara auf Geldscheinen und Münzen
Die „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara wurde zu einem der am häufigsten reproduzierten königlichen Schmuckstücke der Geschichte.
Elizabeth II. trug sie bei zahlreichen offiziellen Fotositzungen. Aus diesen Porträts entstanden wiederum Vorlagen für Münzen und Banknoten in Großbritannien und verschiedenen Ländern des Commonwealth.
Dadurch wurde die Tiara weit mehr als nur ein Abendjuwel. Selbst Menschen, die ihren Namen nicht kannten, erkannten ihre Form unbewusst als Teil des offiziellen Bildes der Königin.
Garrard bezeichnet sie deshalb zu Recht als ein „Symbol der Souveränität“. Kein anderes Diadem ist so unmittelbar mit dem vertrauten öffentlichen Bild Elizabeths II. verbunden.
Queen Camilla führt die Geschichte weiter
Nach dem Tod von Queen Elizabeth II. im September 2022 stellte sich die Frage, ob und wann das eng mit ihr verbundene Schmuckstück wieder getragen werden würde.
Im Oktober 2023 erschien Queen Camilla bei einem Empfang und Dinner in der Londoner Mansion House erstmals mit der Tiara. Zwei Monate später trug sie sie erneut beim jährlichen diplomatischen Empfang im Buckingham Palace. Weitere Auftritte folgten – unter anderem beim Staatsbankett für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Dezember 2025.
Die Wirkung war zwangsläufig eine andere. Bei Elizabeth II. erschien die Tiara fast wie ein selbstverständlicher Teil ihrer Persönlichkeit. Auf Queen Camillas Kopf wird stärker ihre dynastische Funktion sichtbar: Sie trägt und bewahrt ein historisches Schmuckstück, das mit zwei früheren Königinnen eng verbunden ist.
Dass die Tiara weiterverwendet wird, verhindert zugleich, dass sie zu einem reinen Museumsobjekt erstarrt.
Wem gehört die Tiara?
Die „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara gehört nicht zu den eigentlichen britischen Kronjuwelen, die im Tower of London aufbewahrt werden. Sie zählt zum historischen Schmuckbestand der königlichen Familie.
Da Queen Mary sie ihrer Enkelin ausdrücklich als Hochzeitsgeschenk übergab, wird sie gewöhnlich als persönlicher beziehungsweise dynastisch weitergegebener Schmuck Elizabeths II. eingeordnet. Die genauen rechtlichen Eigentumsverhältnisse innerhalb der königlichen Schmuckbestände werden allerdings nicht bei jedem einzelnen Stück öffentlich erläutert.
Dass Queen Camilla sie trägt, bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass sie ihr persönlich vererbt wurde. Der Monarch kann bedeutende historische Juwelen für die Verwendung durch andere Mitglieder der königlichen Familie zur Verfügung stellen.
Mehr als nur ein Diamantdiadem
Die Geschichte der „Girls of Great Britain and Ireland“-Tiara verbindet drei Königinnen und mehr als 130 Jahre britischer Monarchie.
Für Queen Mary war sie ein öffentlich finanziertes Hochzeitsgeschenk und zugleich ein wandelbares Schmuckstück, das sie nach ihren Vorstellungen modernisierte. Für Queen Elizabeth II. wurde sie zum persönlichen Erinnerungsstück an ihre Großmutter – und schließlich zu einem weltweit bekannten Symbol ihrer Regentschaft. Queen Camilla führt diese Geschichte nun in einer neuen Epoche fort.
Doch vielleicht liegt der besondere Reiz der Tiara gerade in ihrem Ursprung. Sie entstand nicht als staatliches Herrschaftszeichen und auch nicht als Geschenk eines ausländischen Monarchen. Viele Frauen und Mädchen brachten die Summe gemeinsam auf. Aus ihren Beiträgen wurde ein Hochzeitsgeschenk – und aus diesem Geschenk eines der berühmtesten königlichen Schmuckstücke der Welt.
BUCHTIPP:
Hugh Roberts: Die Diamanten der Queen, Gerstenberg Verlag, 320 Seiten, 59,99€