Der Koh-i-Noor – Der „Berg des Lichts“ im Schatten der Geschichte

Der Koh-i-Noor – Der „Berg des Lichts“ im Schatten der Geschichte

Der Koh-i-Noor – Der „Berg des Lichts“ im Schatten der Geschichte

Kaum ein Edelstein ist von so vielen Legenden, Machtkämpfen und politischen Kontroversen umgeben wie der Koh-i-Noor. Sein Name bedeutet auf Persisch „Berg des Lichts“. Mit einem heutigen Gewicht von 105,6 Karat gehört er zwar nicht mehr zu den größten Diamanten der Welt – wohl aber zu den berühmtesten.

Heute befindet sich der Koh-i-Noor in der Krone von Queen Elizabeth, der späteren Queen Mother. Als Teil der britischen Kronjuwelen wird er im Tower of London ausgestellt. Doch seine Geschichte begann Tausende Kilometer entfernt auf dem indischen Subkontinent.

Koh-i-Noor-Kopie in der Form vor 1852

Ein Diamant mit rätselhafter Herkunft

Der genaue Ursprung des Koh-i-Noor lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen. Wahrscheinlich stammt er aus den berühmten Golconda-Minen im heutigen Indien. Diese Region lieferte einige der bedeutendsten historischen Diamanten der Welt.

Um die frühe Geschichte des Steins ranken sich zahlreiche Erzählungen. Mitunter wird behauptet, er habe bereits vor Jahrhunderten indischen Herrscherdynastien gehört oder sei mit einem in den Memoiren des Mogulkaisers Babur erwähnten Diamanten identisch. Solche Zuordnungen sind jedoch nicht sicher belegt.

Historisch besser nachvollziehbar wird sein Weg im 18. Jahrhundert. Der Diamant befand sich vermutlich im Besitz der Mogulherrscher und soll den berühmten Pfauenthron von Schah Jahan geschmückt haben.

Als der persische Herrscher Nader Schah 1739 Delhi eroberte und plünderte, gelangte auch der Diamant in seine Hände. Der Überlieferung nach soll er beim Anblick des Steins „Koh-i-Noor!“ ausgerufen haben – „Berg des Lichts“. Ob sich diese Szene tatsächlich so abgespielt hat, ist nicht sicher. Der Name blieb jedoch bestehen.

Von Persien über Afghanistan zurück nach Indien

Nach der Ermordung Nader Schahs begann eine weitere unruhige Reise. Der Koh-i-Noor gelangte zunächst nach Afghanistan und schließlich wieder auf den indischen Subkontinent.

1813 kam er in den Besitz von Maharadscha Ranjit Singh, dem Begründer des Sikh-Reiches im Punjab. Für Ranjit Singh war der Diamant nicht nur ein Schmuckstück. Er war ein sichtbares Zeichen von Herrschaft, Macht und Legitimität.

Maharadscha Ranjit Singh

Nach dem Tod des Maharadschas geriet das Sikh-Reich in politische Unruhen. Schließlich fiel der Koh-i-Noor an dessen jungen Erben Duleep Singh. Dieser war noch ein Kind, als die Britische Ostindien-Kompanie 1849 nach dem Zweiten Sikh-Krieg den Punjab annektierte.

Hier trägt Ranjit Singh den Stein als Armschmuck am rechten Oberarm

Ein „Geschenk“ unter Zwang

Im Vertrag von Lahore wurde ausdrücklich festgelegt, dass der Koh-i-Noor an Königin Victoria übergeben werden musste. Duleep Singh war zu diesem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt und bereits als Herrscher abgesetzt worden.


Maharadscha Duleep Singh (1854)
Porträt: Franz Xaver 
Winterhalter 

Die Organisation Historic Royal Palaces bezeichnet den Vorgang heute deutlich: Die Ostindien-Kompanie habe den Stein dem minderjährigen Maharadscha abgenommen und ihn zur Unterzeichnung des Vertrages gezwungen. Damit erscheint die lange verbreitete Darstellung eines freiwilligen Geschenks an Königin Victoria äußerst problematisch.

1850 wurde der Diamant nach Großbritannien gebracht. Schon ein Jahr später präsentierte man ihn auf der Londoner Weltausstellung. Dort sollte er den Reichtum und die Macht des britischen Empire verkörpern.

Die Reaktion des Publikums fiel allerdings verhaltener aus als erwartet. Der historische indische Schliff ließ den Stein weniger stark funkeln, als es die europäischen Besucher von einem Diamanten erwarteten.

Der verhängnisvolle Neuschliff

Prinz Albert, der Ehemann Königin Victorias, ließ den Koh-i-Noor 1852 neu schleifen. Der Stein sollte mehr Brillanz erhalten und dem damaligen europäischen Geschmack entsprechen.

Dieser Eingriff veränderte den Diamanten erheblich: Sein Gewicht sank von 191,03 auf nur noch 105,6 Karat. Fast die Hälfte seiner ursprünglichen Masse ging verloren.

Damit wurde nicht nur seine Größe reduziert. Auch ein bedeutendes Zeugnis traditioneller indischer Schleifkunst wurde dauerhaft verändert. Aus einem historischen Moguldiamanten entstand ein europäisch anmutender ovaler Brillant.

Königin Victoria trug den Koh-i-Noor zunächst als Brosche und gelegentlich in einem Reif. Nach ihrem Tod wurde der Stein nacheinander in verschiedene Kronen britischer Königinnen eingesetzt:

  • 1902 in die Krone von Königin Alexandra,

  • 1911 in die Krone von Königin Mary,

  • 1937 in die Krone von Königin Elizabeth, der späteren Queen Mother.

In dieser letzten Krone befindet sich der Originaldiamant bis heute. Die Krone besteht aus Platin und ist mit rund 2.800 Diamanten besetzt. Der Koh-i-Noor sitzt gut sichtbar im vorderen Kreuz.

Queen Mary Krone (1911)


Queen Elizabeth Krone (1937)

Der angebliche Fluch des Koh-i-Noor

Wie viele berühmte Edelsteine besitzt auch der Koh-i-Noor eine eigene Fluchlegende. Demnach soll der Diamant zwar Macht über die Welt verleihen, seinem männlichen Besitzer jedoch Unglück bringen.

Diese Erzählung erklärt angeblich, weshalb der Stein innerhalb des britischen Königshauses nur von Frauen getragen wurde. Tatsächlich dürfte es sich dabei vor allem um eine später ausgeschmückte Legende handeln. Dennoch trug sie erheblich zur geheimnisvollen Aura des Diamanten bei.

Ein nüchterner Blick auf seine Geschichte zeigt jedoch: Nicht ein übernatürlicher Fluch begleitete den Koh-i-Noor, sondern die Gewalt jener Herrscher und Reiche, die um ihn kämpften.

Warum Königin Camilla den Koh-i-Noor nicht trug

Queen Mary's Crown in ihrer Originalform

Queen Camilla mit der abgeänderten Krone

Vor der Krönung von König Charles III. und Königin Camilla im Mai 2023 wurde darüber spekuliert, ob Camilla die Krone der Queen Mother mit dem Koh-i-Noor tragen würde.

Schließlich entschied sie sich für die Krone von Queen Mary. Diese wurde für die Krönung verändert und unter anderem mit den Diamanten Cullinan III, IV und V besetzt. Der Koh-i-Noor spielte in der Zeremonie keine Rolle. Damit vermied der Palast eine politische Kontroverse – insbesondere im Verhältnis zu Indien.
Man hatte schließlich hinlängliche Erfahrungen gesammelt wenn es um kontroverse Schmuckstücke geht. Nicht zuletzt als Meghan vollkommen ungerührt sogar gleich zwei Mal Diamant- Ohrring von Mohammed bin Salman, dem Kronprinzen von Saudi Arabien trug, obwohl dieser zu der Zeit durch die Medien ging als Auftraggeber des Mordes an des unliebsamen Journalisten Jamal Khashoggi.

Wem gehört der „Berg des Lichts“?

Die Besitzgeschichte des Koh-i-Noor ist bis heute umstritten. Indien hat wiederholt seine Rückgabe gefordert. Auch Pakistan, Afghanistan und der Iran verweisen auf historische Verbindungen zu dem Stein.

Großbritannien beruft sich dagegen auf den Vertrag von Lahore. Kritiker entgegnen, dass ein Vertrag, den ein abgesetzter zehnjähriger Herrscher unter der Kontrolle einer Kolonialmacht unterzeichnen musste, kaum als freiwillige und rechtmäßige Übereignung gelten könne.

Die Debatte ist keineswegs abgeschlossen. Noch im April 2026 forderte der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani anlässlich eines Besuchs von König Charles III. öffentlich die Rückgabe des Diamanten. Der Buckingham-Palast äußerte sich dazu nicht.

Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass mehrere Staaten Anspruch auf den Stein erheben. Sollte Großbritannien ihn eines Tages zurückgeben, wäre daher zunächst zu klären, an wen.

Mehr als ein außergewöhnlicher Diamant

Der Koh-i-Noor ist zweifellos ein prachtvoller Edelstein. Doch seine Bedeutung liegt heute weniger in seiner Größe oder seinem materiellen Wert als in den Geschichten, die sich in ihm spiegeln.

Er steht für die Pracht der Mogulhöfe und die Macht der persischen und afghanischen Herrscher. Er erinnert an das Sikh-Reich und an den tragischen Lebensweg des jungen Maharadschas Duleep Singh. Zugleich verkörpert er die Expansion der Britischen Ostindien-Kompanie und die Aneignung von Kulturgütern während der Kolonialzeit.

So bleibt der „Berg des Lichts“ ein Stein voller Widersprüche: wunderschön und belastet, bewundert und umkämpft, königlich inszeniert und politisch hochbrisant.

Vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Faszination. Der Koh-i-Noor erzählt nicht nur von Luxus und Glanz. Er zeigt auch, wie eng Juwelen, Macht und Geschichte miteinander verbunden sein können.